Tom Bast – Prolog (1. Rohfassung)

„Ach fahr doch zur Hölle!“
Wütend hackte Tom Bast auf sein Smartphone ein, um die Nachricht per Messenger App zu versenden. Am liebsten hätte er sein Kommunikationsapparat quer über die Strasse vor dem kleinen Café geschleudert, in dem er gerade bei Kaiserwetter mit einer großen Tasse Cappucino und einem Stückchen Apfelkuchen saß.

Sein Blick fiel auf die kleine Tüte aus Recyclingpapier, die mit Werbung einer Buchhandelskette bedruckt war. Nur mit großer Mühe konnte er einen Würgereiz unterdrücken. Eigentlich hatte er das darin befindliche Buch auf dem Weg zum Café ins Altpapier werfen wollen, es dann aber doch nicht übers Herz gebracht. Schließlich war es noch nagelneu und ungelesen.

SIE hatte es ihm kürzlich geschenkt. Seine, wohl ehemalige, beste Freundin. Jedenfalls hatte sie ihm gegenüber das immer behauptet. Inzwischen war Tom Bast davon überzeugt, dass er nur solange ihr bester Freund gewesen war, solange er ihr nutze. Der gutmütige Esel, stets mit mindestens einem offenen Ohr für sie, der sie ohne groß nachzufragen unterstütze, so gut es ihm eben möglich war. Im Nachhinein betrachtet war seine größte Eselei gewesen, ihr mehrmals bei finanziellen Engpässen zu helfen. Das Geld, immerhin über eineinhalb seiner Monatsgehälter, würde er wohl nie wieder sehen. Tom Bast wußte, dass sie ihn nicht absichtlich um das Geld bringen wollte, aber er stand jetzt nunmal ganz hinten in der Schlange ihrer Schuldner.
Auch wenn sie ihm immer wieder das Gegenteil versichert hatte. Aber ebenso hatte sie ihm fast schon gebetsmühlenartig versprochen, immer für ihn da zu sein, wenn er sie bräuchte. Nur dass er davon nichts gemerkt hatte. Er hätte ihre gute Zusprache, ihre Empathie, ihr Zuhören, ihre virtuelle Anwesenheit, ihren Trost nun schon mehrmals gut gebrauchen können. Aber nie hatte sie auch nur fünf Minuten Zeit für ihn gehabt. Entweder war sie zu müde, zu beschäftigt, war ihr Lernpensum zu hoch, war sie zu gereizt und hatte zuviel Schmerzen wegen ihrer Tage oder, wenn all das nicht zutraf, hatte sie einfach zu wenig Lust um mit ihm zu reden. Sie fand immer mindestens fünf Gründe, warum sie im Moment keine Zeit für ihn hatte aber nie einen, sich diese Zeit trotzdem zu nehmen. Der traurige Höhepunkt war bislang gewesen, dass sie ein Treffen mit ihm abgesagt hatte, für dass er bereits Zugtickets gebucht hatte, die er auch nicht mehr zurückgeben konnte. Für eine Hochzeit einer Freundin einer Arbeitskollegin von ihr. Alleine die Aktion hatte ihn mehrere hundert Euro gekostet. Spätestens da hätte er eigentlich kapieren müssen, wie wenig er ihr wirklich wert war.

Auch wenn Tom Bast ihr das mehrmals gesagt hatte, konnte sie nie richtig begreifen, wie sehr sie ihn damit verletzte. Insgeheim hielt sie ihn bestimmt für eine jämmerliche Nervensäge. Was einen endgültigen Abbruch der Freundschaft für ihn so schwierig machte, war, dass er das Gefühl hatte, nach langer Suche in ihr endlich seine Seelenverwandte gefunden zu haben. Er mochte sie einfach wirklich sehr, sehr gern. Obwohl sie nun schon seit Wochen nicht mehr miteinander redeten, dachte er immer noch jeden Tag an sie. Direkt morgens beim Aufwachen, abends vor dem Einschlafen und im Grunde in jeder ruhigen Minute am Tag. Er hatte sich unglaublich wohl mit ihr gefühlt. Auch wenn sie fast die komplette Zeit die sich nun kannten, nur per Handy und Internet kommuniziert hatten. Er hatte ihr oft gesagt, wie sehr er sie dafür bewunderte, was sie war und wie sie es geschafft hatte, trotz aller Widrigkeiten ihres Lebens so zu werden. Sie hatte ihn vom ersten Augenblick ihres kennenlernen verzaubert und verzückt. Dazu kam, dass sie wirklich hübsch war. Nicht so dieses Magermodel hübsch, was einem von den Medien als Schönheitsideal vorgekaut wurde. Nein eine natürliche Schönheit die von innen kam. Etwas dicker vielleicht, wie es angeblich gesund war, aber das hatte ihn nie gestört, im Gegenteil. Zudem sagte da ja auch jeder der unzähligen Ernährungsexperten etwas anderes. Sie hatte ihm wohl allerdings nie wirklich abgenommen, dass er ehrlich so dachte. Was ihn anging, reichten seine Gefühle allerdings auch deutlich über eine Freundschaft hinaus. Es musste ja nicht gleich eine Beziehung sein. Ihm war klar, dass er nicht unbedingt ihr Traummann war, jedenfalls was das Alter betraf. Und vermutlich auch was den Unterhaltungswert anging. Wer sich nicht die Mühe machte, Tom Bast näher kennenzulernen, musste ihn für den größten Langweiler auf Gottes Erdboden halten. Da half auch seine stets geerdete ruhige Art und Hilfsbereitschaft sowie sein respektvoller Umgang mit anderen nichts. Er vermisste sie unendlich. Aber diesmal konnte er nicht schon wieder nachgeben. Damit würde er gar nichts ändern. Er würde sich einem klärendem Gespräch nicht verweigern, aber er würde es diesmal nicht von sich aus suchen. Tom war kein Freund davon, die sprichwörtliche Tür komplett zu zuschlagen und womöglich noch ein Brett drüber zu nageln. Nur lohnte es sich nicht, weitere Brücken zu bauen, wenn sie nicht auch bereit war, darüber zu gehen und ihm entgegenzukommen.

Wie sehr wünschte er sich, dass sie ihn den Arm nahm und wenn er ehrlich war, auch, dass sie zumindest ab und zu, dass Bett miteinander teilten. Auch das wusste sie. Weil er einmal in einem Anfall von Idotie seinen ganzen Mut zusammen genommen hatte und sie direkt gefragt hatte. Was er sich davor bei keinem anderen Mädchen getraut hatte und sich nach ihrer Antwort wohl auch nicht mehr trauen würde. Damals war sie in keiner Beziehung gewesen, jetzt war es eh ausgeschlossen, da sie inzwischen wieder einen festen Freund hatte.

Viel schlimmer als die Abfuhr war allerdings gewesen, dass sie kein Problem damit gehabt hatte, sich kurz darauf mit diesem Autor zu vergnügen, der jetzt in der Tüte vor ihm lag, auch wenn der damals wohl schon eine feste Freundin hatte. Also das Buch dieses Autors lag natürlich in der Tüte, er war ja kein Mörder. Dieser Emil sonstwie, irgendso ein cooles englisches Pseudonym, übersetzt sowas wie Ständer oder Knochen oder so. Tom Bast kam gerade nicht darauf, wollte aber auch nicht nachschauen, weil er sonst doch noch auf den Tisch gebrochen hätte. Klar, gegen so einen superduber Fantasy Autor konnte er natürlich nicht anstinken, auch wenn der in seiner Selbstbeschreibung völlig unsympathisch und hochnäsig rüberkam. Die Typ Mann die Frauen benutzen und dann „wegwerfen“. Die definitiv nicht da waren für sie, als sie wirklich in der Scheiße steckte. Musste wohl wirklich ein toller Stecher sein, anders konnte Tom sich das ganze nicht erklären. Viel jünger als er selber war der bestimmt auch nicht. Wobei sie das ja nicht mal im Vergleich zu ihm beurteilen konnte, da sie ihm nie eine Chance gegeben hatte und auch nicht geben würde.

Das nahm er ihr wirklich übel. Natürlich konnte sie schlafen mit wem sie wollte. Er verstand nur nicht, warum sie und all die anderen Mädchen, denen gegenüber er sich immer korrekt und zuvorkommend verhielt, nicht auch mal mit ihm intim werden wollten. So übel sah er jetzt nun wirklich nicht aus und ob sie miteinander Spaß haben würden, wüßten sie erst hinterher. Nur weil er eher der stille Typ war, musste das ja nicht heißen, dass er es nicht brachte oder körperlich eher schlecht bestückt war. Genaugenommen war das Gegenteil der Fall, jedenfalls was das körperliche anging. Und bei ihr hatte er zudem das Gefühl, dass die Chemie stimmte. Zudem war sie vorsichtig ausgedrückt auch gerne mal kurzentschlossen, wenn es darum ging, nicht alleine heim zu gehen. Er hatte jedenfalls nie den Eindruck gehabt, als wäre sie besonders wählerisch, was ihre Gespielen für eine Nacht anging. Da war sie, wie sie es nannte, spontan, teilweise auch während sie eigentlich in einer festen Beziehung war. Umso mehr war ihre Antwort der blanke Hohn gewesen: “Du bist nicht mein Typ!” Quasi die nette Umschreibung für ” Sorry Bro, aber du bist selbst mir zu hässlich und bringen tust es bestimmt auch nicht!”
Eines ihrer Argumente war immer gewesen, dass sie ihn nicht als Freund an den Sex verlieren wollte. Ironischerweise hatte sie ihn nun unter anderem genau deshalb verloren, weil sie so kategorisch ausschloss, jemals mit ihm zu schlafen. Tom schniefte traurig. Er war mit seinem Latein am Ende. Er würde sich wohl damit abfinden müssen, zu sterben, ohne jemals mit einer Frau geschlafen zu haben.

Ursprünglich hatte er ihr das Buch zurückschicken wollen und sie bitten, jemand geeigneteren als ihn als neuen Besitzer des Buches zu finden. Aber sie hatte es ja nicht nötig gehabt, ihm nach dem Umzug zu ihrem neuen Freund ihre neue Adresse mitzuteilen. Trotz des dezenten Hinweises in einem seiner Statuse in seiner Messenger App. Er konnte sich ihre Antwort schon ausmalen, würde er sie nochmal direkt fragen. „Oh, habe ich völlig vergessen.“ So wie mit ihrer neuen Handynummer. Da hatte sie sich auch erst wieder bei ihm gemeldet, als sie Geld brauchte. Angeblich hatte sie da auch vergessen gehabt, ihm diese zu geben und sich gewundert, dass er sich nicht mehr gemeldet hatte.

Was das Geld anging, wußte Tom, war er auch selber Schuld, dass sie es nicht eilig hatte, es ihm zurückzuzahlen. Abgesehen davon, dass sie immer noch kaum mehr verdiente, als sie zum Leben brauchte, hatte er ihr versichert, dass er das Geld nicht dringend benötigte. Das stimmte nur zum Teil. Natürlich nagte er deshalb jetzt nicht am Hungertuch oder musste unter der Brücke schlafen, aber er konnte sich über die Grundbedürfnisse hinaus eben so gut wie nichts leisten. Erst letzte Woche hatte er guten Freunden eine Einladung zu einem Treffen absagen müssen, weil er sich die Zugtickets nicht leisten konnte. Genausowenig wie eine ordentliche Klimaanlage für seine Wohnung. Gute Geräte kosteten eben auch gutes Geld. Bei der derzeitigen Hitzewelle war es in seiner Bude kaum auszuhalten – selten schaffte er es, die Zimmertemperatur unter 30°C zu senken, auch nicht mit Nachts komplett geöffneten Fenstern. An Schlaf war so kaum zu denken, an erholsamen gleich zweimal nicht.

Er wollte ihr nicht noch mehr Stress machen, als sie eh schon hatte, aber hätte er gewußt, dass sie so gleichgültig auf seine Probleme und die Probleme mit ihrer Freundschaft reagieren würde, wäre er nicht so großzügig gewesen. Ihr einziger Kommentar, auf seinen Versuch, das Ganze wenigstens ein bisschen zu klären und mit ihr ihm Gespräch zu bleiben war „Ich weiß momentan nicht, was ich dir sagen soll!“ Klarer hätte sie ihm nicht signalisieren können, dass sie kein echtes Interesse an einer Fortführung ihrer Freundschaft hatte. Falls er jedoch ihre Reaktion falsch interpretiert hatte, war er mit Kusshand bereit, weiterhin mit ihr befreundet zu bleiben. Mit der winzigen Einschränkung allerdings, dass er zukünftig ebenfalls von ihrer Freundschaft profitierte.

Toms Smartphone vibrierte. Wahrscheinlich die Antwort auf seine Nachricht von vorhin. Er schlürfte genüsslich an seinem Cappucino und lies das Handy in der Tasche stecken. Das hat noch Zeit, dachte er.

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